Ein Jahr im Ausland: Was Schüler wirklich davon haben


Jährlich verlassen fast 20.000 deutsche Jugendliche für ein Schuljahr die gewohnte Umgebung, um im Ausland zur Schule zu gehen, in einer Gastfamilie zu wohnen und die Sprache im Alltag zu hören und zu sprechen. Was sich wie ein langes Abenteuer anhört, wird für viele Rückkehrer und Rückkehrerinnen zu einer der prägendsten Erfahrungen ihrer Jugend. Was nehmen Schüler dabei wirklich mit? Was muss man über den Schritt ins Ausland wissen?

Echte Sprachfähigkeit

Der offensichtlichste Effekt eines Auslandsaufenthalts ist der sprachliche. Wer täglich in der Zielsprache kommuniziert, einkaufen geht und Witze versteht, entwickelt ein Sprachgefühl, das kein Schulunterricht der Welt nachahmen kann. Der Unterschied zum Klassenzimmer ist die Intensität und der Zwang: Es gibt keinen Rückfall ins Deutsche, keine Möglichkeit, sich zu drücken.
Gerade für Jugendliche, die später Berufe mit internationalem Bezug ansteuern, ist das wichtig. In vielen Studienfächern genügen einfache Kenntnisse nicht mehr. Verhandlungssichere Kenntnisse der Fremdsprache werden verlangt, die ohne Immersion nicht zu erreichen sind. Wer ein Auslandsjahr während der Schulzeit gemacht hat, legt hier eine von Jahren tragende Grundlage.

Wirkliche Persönlichkeitsentfaltung

Eine interessante Untersuchung über mehr als 800 Schülerinnen und Schüler, die ein ganzes Schuljahr im Austausch verbracht hatten, führte die Westfälische Wilhelms-Universität zu Münster. Sie wurden mit mehr als 700 Jugendlichen einer Kontrollgruppe verglichen, die in Deutschland geblieben waren. Ergebnis: Die Austauschschüler berichteten nach ihrer Rückkehr von einem wesentlich stärkeren Selbstwertgefühl. Bei der Vergleichsgruppe war keine derartige Änderung festzustellen.
Das stimmt mit dem überein, was die Rückkehrer selbst berichten. Sie nennen ganz konkrete Wendepunkte: zum Beispiel selbständig zum ersten Mal einen Behördengang erledigen, einen Konflikt in der Gastfamilie lösen, in einer neuen Klasse auf sich allein gestellt Anschluss finden. Das sind keine abstrakten Kompetenzen, die man sich antrainiert, sondern ganz konkret gelebte Erfahrungen, die Selbstvertrauen und Eigenverantwortlichkeit fördern. Dazu kommt interkulturelle Sensibilität, also die Fähigkeit, zum Beispiel auch einmal die eigene Perspektive zu wechseln, Verhaltensweisen einordnen zu können, ohne sie gleich bewerten zu müssen.

Praktische Fragen: Anerkennung, der richtige Zeitpunkt

Eine oft gehörte Befürchtung ist, ein Auslandsjahr ginge automatisch mit einem verlorenen Schuljahr einher. Tatsächlich ist die Anerkennungspraxis alles andere als einheitlich und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. In vielen Regionen lässt sich das Auslandsjahr auf Antrag anerkennen, wenn es in der richtigen Jahrgangsstufe absolviert wird. Dies gilt als besonders günstig in der 10. Klasse oder der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe, je nach Bundesland.
Wer sein Auslandsjahr zwischen zwei Schuljahren legt (nach der 10. Klasse, vor der 11. Klasse), kann dies ohne Anerkennungsantrag tun. Er verlängert damit aber seine Schulzeit um ein Jahr. Für welche Möglichkeit man sich entscheidet, hängt von den eigenen Zielen ab.
Noch bevor man ins Ausland geht, sollte die eigene Schule eingebunden werden. Auskunft über die jeweiligen Voraussetzungen für die Anerkennung gibt es bei den zuständigen Anerkennungsbehörden der Bundesländer.

Was bringt das Auslandsjahr

Die Frage, was ein Auslandsjahr „bringt“, ist nicht einfach zu beantworten. Das beginnt beim Sprachenlernen: Für den einen ist das Auslandsjahr der Einstieg in die zweite Fremdsprache, für den anderen der Zeitpunkt, an dem er herausfindet, was er wirklich will. Internationale Freundschaften, ein erweitertes Weltbild und die Fähigkeit, in ungewohnten Situationen handlungsfähig zu bleiben, lassen sich kaum messen. Sie prägen jedoch den weiteren Lebensweg nachhaltig.
Wer ein Auslandsjahr plant, sollte früh anfangen, sich damit zu beschäftigenl. Programmformate und Zielländer, Möglichkeiten der Finanzierung und schulrechtliche Rahmenbedingungen unterscheiden sich sehr. Eine gründliche Vorbereitung ist letztlich der Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Auslandsjahr.


Hinweis:
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